Die Schweiz hat ein wachsendes Stromproblem
Mit Wärmepumpen, Elektrofahrzeugen und der Elektrifizierung der Industrie ersetzt Strom zunehmend Öl und Gas. Gleichzeitig erhöhen Digitalisierung, Rechenzentren und künstliche Intelligenz (KI) den Bedarf an rund um die Uhr verfügbarem Strom. Besonders im Winter wird die Versorgung anspruchsvoll: Seit rund zwanzig Jahren sind wir hier auf Importe angewiesen.
- Der Strombedarf wächst durch Elektrifizierung, Digitalisierung, Rechenzentren und KI.
- Entscheidend ist nicht allein die Jahresproduktion, sondern eine ausreichende Versorgung im Winterhalbjahr und die jederzeitige Verfügbarkeit von Strom für einen starken Wirtschafts- und Werkplatz.
- Die Winterversorgung ist die Schwachstelle: hoher Bedarf trifft auf weniger Produktion und begrenzte inländische Reserven. Ohne Kernenergie ist die Schweiz dann noch viel stärker auf Importe angewiesen. Ob unsere Nachbarn liefern können und wollen, bleibt ungewiss. Auch sie stehen vor den gleichen Herausforderungen wie wir.
Häufige Fragen
Nein. Langfristig zeichnet sich aktuell eine Lücke ab: Ohne zusätzliche Massnahmen werden bis 2044 alle heute bestehenden Kernkraftwerke schrittweise vom Netz gehen (Lebensdauerende ~60 Jahre). Gleichzeitig steigt der Stromverbrauch (Elektrifizierung von Verkehr und Heizungen) bis 2050 um rund ein Drittel. Ohne Gegenmassnahmen droht eine Winterstrom-Lücke von etwa 9-16 TWh, rund ein Drittel des Verbrauchs im Winterhalbjahr – die Importabhängigkeit würde stark steigen.[1] Experten warnen, dass die Versorgungssicherheit im Jahr 2050 mit dem aktuellen Pfad nicht gewährleistet wäre (VSE-Index: nur 69/100 Punkten).[2] Zusätzliche Kraftwerkskapazitäten (Erneuerbare und ggf. neue Kernkraft oder Gaskraftwerke) sind nötig, um die Stromversorgungssicherheit nachhaltig zu garantieren.
Die Schweiz deckt ihren Strombedarf überwiegend mit heimischer Wasserkraft (rund 60% Anteil) und Kernenergie (circa 30%). Im Winter steuert die Kernenergie schätzungsweise 40% des heimischen Stroms bei.[1] Dieser Wert fluktuiert zwar Jahr für Jahr, ist aber im Durchschnitt seit 10 Jahren praktisch unverändert.
Die inländische Produktion ist praktisch CO₂-frei. Der Produktionsmix war 2024 zu rund 0.5% fossil, der Verbrauchsmix zu 1%.[2] Neue erneuerbare Energien wie Solar, Wind und Biomasse und thermische Kraftwerke (KVAs) haben in den letzten Jahren ein starkes Wachstum erfahren und tragen bislang 12% (2024) bei. Der Rest entfällt auf fossile Quellen und Importstrom. Die Schweiz ist im Sommer eine Exporteurin von Strom und im Winter eine Importeurin.[3]

Gemäss Bundesamt für Bevölkerungsschutz liegt das Risiko einer Strommangellage bei einmal in 30 Jahren und führt potenziell zu sehr hohen aggregierten Schäden von etwa CHF 84 Mrd. Damit ist sie zusammen mit einer neuen Pandemie das wahrscheinlichste und teuerste Bedrohungsszenario für die Schweiz.[1] Das Risiko einer Strommangellage dürfte sich bis 2050 deutlich erhöhen, wenn die Schweiz die Versorgungssicherheit nicht verbessert.
Im Sommer 2023 hat die Schweiz das Klima- und Innovationsgesetz KIG mit 59.1% Ja-Stimmen angenommen. Damit soll die Schweiz bis zum Jahr 2050 klimaneutral werden. Um dieses Ziel zu erreichen, soll u.a. die Elektrifizierung unterstützt werden: Der Ersatz von Öl-, Gas- und Elektroheizungen mit klimaschonenden Heizungen soll mit 2 Mrd. CHF gefördert werden. Betriebe in Industrie und Gewerbe, die innovative Technologien zur klimaschonenden Produktion einsetzen, sollen von Fördermitteln in der Höhe von 1.2 Mrd. CHF profitieren.[1] Heute beträgt der Anteil fossiler Energie am Endenergieverbrauch rund 57%.[2] Über die nächsten 25 Jahre soll dieser Verbrauch zu grossen Teilen mit Strom ersetzt werden. Hierfür braucht die Schweiz eine zuverlässige Stromproduktion.
Die Erneuerbaren leisten zwar einen wachsenden Beitrag an die Winterstromversorgung, besonders in den Monaten Oktober und März. Ein weiteres starkes Wachstum ist aber wegen verschiedenen Faktoren schwierig. Bislang konnten die gesetzlichen Zubauraten nicht eingehalten werden, um die Ziele für 2035 und 2050 zu erreichen.[1] Regulierung, Bewilligungsverfahren und Finanzierung spielen ebenso eine Rolle wie Umweltschutz, Flächenverbrauch und technisch-physikalische Grenzen. Ein weiterer Ausbau der Erneuerbaren ist für eine nachhaltige Winterstromversorgung zwar wichtig. Aber ausschliesslich mit Erneuerbaren ist Versorgungssicherheit voraussichtlich nicht zu vertretbaren Kosten realisierbar. Deshalb enthielt bereits die Energiestrategie 2050 Überlegungen zu Gaskraftwerken für den Winter und einer verstärkten Importabhängigkeit.[2]